FAQs Folge 75: Wie Tierpopulationen gesund bleiben
Warum halten Zoos überhaupt Tiere?
Zoos sind wichtige Akteure im weltweiten Arten- und Naturschutz. Unser eigener Antrieb sowie die „Welt-Zoo-Naturschutz-Strategie" von 2015, die EU-Zoorichtlinie und das Bundesnaturschutzgesetz verpflichten uns dazu. Deshalb setzen wir uns für die Zucht und Erhaltung seltener und bedrohter Tierarten ein. Wichtigstes Ziel dabei ist der Aufbau stabiler, gesunder, demographisch und genetisch ausbalancierter Populationen, die zukünftig auch als Grundlage zur Aufstockung schwindender Wildtierbestände in der Natur dienen können.
Dazu ein aktuelles Beispiel: Derzeit breitet sich die Afrikanische Schweinepest auch in Südostasien aus. Erreicht der Erreger eine der vielen Inseln, auf denen eine wilde Schweineart lebt, kann innerhalb weniger Wochen die gesamte Population ausgelöscht werden. Gibt es von dieser Art eine Zoopopulation, kann sie wieder angesiedelt werden, denn der Lebensraum ist dort noch intakt. Auf natürlichem Wege wäre eine solche Wiederansiedlung auf einer Insel ansonsten nahezu unmöglich.
Warum wir bestimmte Tierarten halten, wird auf Ebene der Expertengruppen (Taxon Advisory Groups) des Europäischen Zooverbandes (EAZA) definiert. Auch Umweltbildung und Forschung (Verhaltensforschung, Veterinärmedizin) spielen eine wichtige Rolle bei der Entscheidung, welche Arten gehalten werden. Und nicht zuletzt repräsentieren manche Zootiere ihre Artgenossen in deren schwindenden Lebensräumen und machen so auf die notwendigen Schutzmaßnahmen aufmerksam. Hier gilt: Nur was man kennt, interessiert einen und nur wenn es einen interessiert, wird man sich auch für dessen Schutz einsetzen.
Warum hält der Frankfurter Zoo auch Arten, die nicht vom Aussterben bedroht sind?
Den Status „vom Aussterben bedroht“ erhält eine Art von der IUCN („Weltnaturschutzunion“, International Union for Conservation of Nature) nur, wenn strenge Kriterien erfüllt werden. Zum Beispiel, wenn die Population über einen festgelegten Zeitraum stark zurückgegangen ist.
Aber auch Arten, die noch nicht diesen höchsten Status vor der Ausrottung in der Natur erreicht haben, können in Zukunft gefährdet oder sogar vom Aussterben bedroht sein. Populationen in Zoos werden dann wichtig, um den Bestand in der Natur aufzustocken. Die Zoopopulationen brauchen, um effektiv zu sein, eine gewisse Größe, Altersstruktur und genetische Vielfalt. Um solche Populationen aufzubauen, braucht es Zeit. Deswegen beginnen wir bei Arten, die absehbar in Zukunft gefährdeter sein können, schon heute damit. Diese Arten werden in Expert*innen-Gremien ausgewählt.
Von der IUCN wurden bereits etwa 170.000 Arten (Tiere, Pflanzen und Pilze) für die Rote Liste erfasst. Deren Status muss immer wieder kontrolliert und evaluiert werden. Da dies einen enormen Aufwand bedeutet, erfolgen die Erfassungen in großen zeitlichen Abständen. Eine Art, die vor zehn Jahren als „stark gefährdet“ eingestuft wurde, behält diese Kategorie, bis sie neu bewertet wurde. Heute wäre sie bei einer neuen Bewertung vielleicht bereits „vom Aussterben bedroht“. Von den rund 93.000 Tierarten, die in der Roten Liste aufgeführt sind, fehlen uns bei etwa 16.000 belastbare Bestandsdaten, um eine Aussage über ihren Bedrohungsgrad treffen zu können.
Warum kommt es überhaupt zu Platzproblemen im Zoo?
Wie viele Tiere einer Art in einer Tieranlage gehalten werden können, hängt von vielen Faktoren ab. Die spezifischen Bedürfnisse der Art spielen eine Rolle, die Gruppenstruktur, die Größe und Beschaffenheit der Anlage, die Tierindividuen, die zusammenleben, und vieles mehr. In Best Practice Guidelines sind die Erfahrungen und wissenschaftlichen Erkenntnisse zu all dem erfasst. Fest steht: Für jede Tieranlage gibt es eine Obergrenze an Tieren, die darauf artgemäß gehalten werden können.
Viele der von uns gehaltenen Arten bekommen in menschlicher Obhut regelmäßig Nachwuchs. Teilweise sogar häufiger, als das in der Natur der Fall wäre. Dort würden viele dieser Nachkommen nicht bis zur Geschlechtsreife überleben, da Raubtiere, innerartliche Konkurrenz, Krankheiten oder mangelnde Ressourcen (Futter, Wasser) zu einer hohen Sterblichkeit führen. Im Zoo gibt es keine Fressfeinde, die Tiere werden medizinisch versorgt und es gibt ausreichend Nahrung und Wasser. Die Jungtiersterblichkeit ist daher deutlich geringer. Auch erwachsene Tiere werden im Zoo aus denselben Gründen deutlich älter. Wir haben also oft eine höhere Überlebensrate, aber meistens weniger Platz.
Zum Teil greifen wir daher in das Wachstum der Zoopopulationen ein, indem wir die Tiere verhüten. Dazu gibt es verschiedene Möglichkeiten:
- Hormonelle Verhütung (z.B. Hormon-Implantate oder die „Anti-Baby-Pille“)
- Das Verhindern von Paarungen (eingeschlechtliche Gruppen, Trennung der Geschlechter zur Paarungszeit)
- Das Entfernen von Eiern
- Sterilisation und Kastration
Alle diese Methoden können auch Nachteile für die Tiere haben. Diese können gesundheitlicher Art sein (Nebenwirkungen/Erkrankungen) oder sozialen Stress auslösen. Auch ein artgemäßes Verhalten kann oft nicht mehr ausgelebt werden, weil es keine natürlichen Sozialstrukturen mehr gibt, wenn zum Beispiel Jungtiere fehlen oder männliche und weibliche Tiere getrennt gehalten werden. Aus Gründen des Tierwohls entscheiden wir uns daher bei einigen Tieren dafür, sie Nachwuchs bekommen zu lassen auch wenn der Platz begrenzt ist.
Hinzu kommt, dass auch das Geschlecht der neugeborenen Tiere eine Rolle spielt. Bei vielen Säugetierarten lassen sich beispielsweise Weibchen deutlich besser in größere Gruppen integrieren als Männchen, von denen oft nur eines gehalten werden kann. Geboren werden aber von beiden Geschlechtern etwa gleich viele Individuen. Hier kommt es also zu einem „Überschuss“ an Männchen. In der Natur regelt sich dieser häufig durch eine höhere Sterblichkeit der Männchen, z.B. durch Revierkämpfe.
Warum züchtet der Zoo trotzdem bei einigen Tierarten regelmäßig?
Wie beschrieben können alle Möglichkeiten der Verhütung auch Nachteile für das einzelne Tier oder die Gruppe haben. Hormonelle Eingriffe haben – wie beim Menschen auch – zum Teil Nebenwirkungen. Bei Großkatzen kann hormonelle Verhütung beispielsweise zu Tumoren führen, bei anderen Arten auch zu dauerhafter Unfruchtbarkeit.
Auch die Sozialstruktur spielt eine wichtige Rolle. Für manche Tiere bedeutet es dauerhaft Stress, wenn die Geschlechter nicht zusammengehalten werden. Eine Gorillagruppe braucht beispielsweise ein Männchen als Anführer. Die Geburt (oder das Ausbleiben) eines neuen Gruppenmitglieds hat oft auch Auswirkungen auf den sozialen Rang der Mutter. Und in einigen sozialen Arten (Gorillas, Elefanten) lernen junge Weibchen von anderen Müttern, wie sie Jungtiere aufziehen. In vielen sozialen Säugetiergruppen sind Jungtiere außerdem eine wichtige Beschäftigung für die gesamte Gruppe.
Unsere Expertinnen und Experten prüfen daher in enger Absprache mit den zuständigen Behörden und dem EEP, ob ein Zuchtstopp für ein Tier sinnvoll und zumutbar ist oder das Wohl dieses Tieres zu stark einschränkt.
Die Wünsche von Zoomitarbeitenden oder der Öffentlichkeit spielen bei diesen Entscheidungen keine Rolle. Sie werden auf der Basis fachlicher Erkenntnisse getroffen und haben stets das Ziel, die Art zu erhalten und das Wohl der Tiere im Zoo zu fördern.
Kann der Zoo Tiere nicht an andere Zoos abgeben?
Für die meisten unserer Arten gibt es Zuchtprogramme, in denen die Populationen europaweit koordiniert werden, die EAZA ex-situ Programme (EEP). Die meisten Tiere werden auf Empfehlungen des EEP-Koordinators geboren, das heißt, schon vor der Zeugung eines Tieres wird geprüft, ob es einen Platz für dieses geben wird.
Tiere, die innerhalb eines EEPs gemanagt werden, vermitteln die Koordinator*innen in andere Haltungen. Das heißt, sie haben alle Daten zu den Tieren und können so bestimmen, an welchen Zoo ein Individuum abgebeben werden soll, wenn es z. B. Zeit ist, den Geburtszoo zu verlassen.
Dennoch kann es Gründe geben, warum keine Zuchtbeschränkung durchgeführt werden kann, wie oben aufgeführt, und es dann Tiere gibt, die keinen Platz nach diesem System finden werden.
Wenn das EEP in solchen Fällen nicht helfen kann oder die Tiere nicht zu einem EEP gehören, bietet der Zoo seine Tiere allen Einrichtungen an, die den Zooverbänden Verband der Zoologischen Gärten (VdZ), European Association of Zoos and Aquaria (EAZA), Eurasischer Zooverband (EARAZA) oder World Association of Zoos and Aquariums (WAZA) als Mitglieder angehören.
Zusätzlich versendet der Zoo seine Abgabe- und Suchlisten direkt an rund 200 Partnerzoos in Europa inklusive Zoos, die keinem der genannten Verbände angehören.
Für uns ist es sehr wichtig, dass Tiere nur in gute, tiergerechte Haltungen abgegeben werden. Dazu gibt es auch Vorgaben innerhalb der Verbände. Eine Abgabe in einen Zoo oder eine Privathaltung, bei der wir Sorge um das Tierwohl haben, oder keine Handhabe, dieses zu überprüfen, ist für uns keine Option.
Jedoch haben alle Zoos beschränkte Kapazitäten, denn die Gehege sind immer für eine bestimmte Anzahl Tiere ausgelegt. Eine Überbelegung bedeutet Stress für das Individuum oder auch die gesamte Gruppe. Daher kann in manchen Fällen nicht für jedes Tier ein Platz gefunden werden.
Werden auch im Frankfurter Zoo gesunde Tiere getötet?
Nutztierrassen wie zum Beispiel Ziegen dienen bei uns im Zoo auch als Futtertiere. Das hat Vorteile: Bei Tieren, die in unserem Zoo geboren sind, wissen wir alles über ihre Krankheitsgeschichte und ihr Aufwachsen. Wir können uns also sicher sein, dass sie gut gehalten und hochwertig gefüttert wurden. Das Tier wird vor Ort getötet, ohne vorher lange Transportwege hinter sich bringen zu müssen, wie es beispielsweise bei Schlachtvieh die Regel ist. So ersparen wir dem Tier Stress.
Auch bei anderen Tiergruppen, zum Beispiel Antilopen, entscheiden wir uns manchmal dazu, ein Tier zu töten, wenn wir keinen geeigneten Zoo finden können, in dem das Tier gut untergebracht werden kann. Diese Entscheidung treffen unsere Kuratorinnen und Kuratoren zusammen mit unseren Tierärztinnen, TierpflegerInnen und immer in Absprache mit den zuständigen Behörden. Wenn wir ein Tier töten, wird es sinnvoller Weise an unsere Raubtiere verfüttert.
Trotzdem bleibt das Verfüttern eigener Tiere eine Ausnahme. Den Fleischbedarf unserer Raubtiere decken wir überwiegend aus dem Handel. Wirtschaftlich ist der Einkauf von Fleisch deutlich günstiger, als die Aufzucht eigener Tiere.
Wie werden die Tiere getötet?
Es gibt verschiedene Methoden, die nach Tierart und Größe variieren. Auch hier findet immer eine Abstimmung mit den Aufsichtsbehörden statt. Alle Methoden sind möglichst stressfrei für das entsprechende Tier und entsprechend den Vorgaben des Tierschutzgesetzes anzuwenden. Die Tiere werden ausschließlich von geschultem Personal fachgerecht abgetötet.
Können Tiere nicht einfach ausgewildert werden?
Ziel der Zoos ist es zunächst, stabile, gesunde, demographisch und genetisch ausbalancierte Populationen zu erhalten, die - wenn Bedarf besteht - zukünftig auch als Grundlage zur Aufstockung von Wildtierbestände in der Natur dienen können. Wenn beispielsweise Wildpopulationen eine geringe genetische Vielfalt aufweisen, können durch Zootiere neue genetische Linien eingebracht werden. Manche Bestände in der Natur sind mittlerweile zu klein, um stabil zu bleiben. Hier können wiederangesiedelte Zootiere helfen, diese Bestände zu stabilisieren. Dies wird und wurde beispielsweise beim Östlichen Spitzmaulnashorn und dem Östlichen Bongo bereits erfolgreich durchgeführt.
In einigen Fällen konnten auch in der Natur bereits in bestimmten Regionen oder sogar gänzlich ausgestorbene Tierarten durch Zoos wieder angesiedelt werden, zum Beispiel der Wisent, der Bartgeier in den Alpen oder die Europäische Sumpfschildkröte in Hessen.
Auswilderungen sind strengen Regeln unterworfen, die von der IUCN erarbeitet wurden. Entsprechende Projekte müssen intensiv vorbereitet und anschließend über viele Jahre koordiniert und wissenschaftlich begleitet werden. Eine Auswilderung bedeutet in der Regel extremen Stress für das einzelne Tier und dessen Überleben ist nicht garantiert. Tiere ohne entsprechende Vorbereitung und Nachverfolgung (Monitoring) in die Natur zu entlassen, wäre fahrlässig. Und auch hier spielt z.B. das Geschlechterverhältnis eine Rolle, man kann also nicht einfach alle Männchen jeweils auswildern, sondern muss die natürlichen Geschlechterverhältnisse möglichst genau nachstellen. Zusätzlich ist auch die Altersstruktur wichtig, denn ausgewilderte Tiere sollten beispielsweise noch lange fruchtbar sein.
Bei vielen bedrohten Arten kommt hinzu, dass ihre angestammten Lebensräume heute nicht mehr sicher für sie sind. Zum Beispiel, weil Jagd auf sie gemacht wird, oder andere Bedrohungsfaktoren vorliegen. Diese müssen erst unter Kontrolle gebracht werden, bevor die Tierart wieder angesiedelt werden kann. Darum kümmern sich unsere Partner im Artenschutz, die wir finanziell oder mit unserer Expertise dabei unterstützen. Zu unseren engsten Partnern gehört die Zoologische Gesellschaft Frankfurt, die auf vier Kontinenten Lebensräume für unterschiedlichste Tierarten sichert.
Zoopopulationen lassen sich vielleicht mit einem Computer-Backup vergleichen: Im Ernstfall kann dieses wichtige Daten (bzw. Arten) retten – aber wir sind froh, wenn es gar nicht erst zu diesem Ernstfall kommt.
Der Frankfurter Zoo wildert regelmäßig Europäische Sumpfschildkröten und Feldhamster aus. Auch an der Auswilderung von Spitzmaulnashörnern, Mhorrgazellen und Goldgelben Löwenäffchen waren wir bereits aktiv beteiligt. In vielen anderen Fällen sind wir als Halter bestimmter Arten indirekt an deren Wiederansiedlung beteiligt – u. a. über den Weg der Forschung, die eine Auswilderung erst möglich macht, oder indem wir entsprechende Projekte finanziell unterstützen.
Explizit zu den Pavianen hat der Tiergarten Nürnberg einen eigenen FAQ-Bogen ausgearbeitet. Ihr findet diesen hier: tiergarten.nuernberg.de: Populationsmanagement bei Pavianen