Die Aufarbeitung einer Epoche: Der Frankfurter Zoo und die „Völkerschauen“
Der Zoo Frankfurt wurde 1858 von Bürgern der Stadt gegründet. Er ist damit – nach Berlin – der zweitälteste Zoo Deutschlands. Ein bekanntes, aber bislang nicht kritisch eingeordnetes Thema seiner langen Geschichte sind die sogenannten „Völkerschauen“, Zurschaustellungen von Menschen aus anderen Regionen und Kulturen, die Ende des 19. bis Anfang der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts dort gastierten.
Eine solche Einordnung war seit langem der Wunsch des Zoos sowie des zuständigen Dezernats Kultur und Wissenschaft, die den Aufarbeitungsprozess gemeinsam vorantrieben. Im Sommer 2023 beschloss die Stadtverordnetenversammlung ein Budget dafür bereitzustellen. Daraufhin konnte der Zoo damit beginnen, nach Expert:innen für die wissenschaftliche Aufarbeitung der „Völkerschauen“ zu suchen. Die Wahl fiel auf Dr. Franziska Jahn und Dr. Clemens Maier-Wolthausen aus Berlin, die gemeinsam bereits das koloniale Erbe des Zoos in Hannover erforscht haben. Im Dezember 2025 schlossen die beiden ihre Vorstudie ab.
„Ich bin froh, dass wir nach gründlicher Suche gleich zwei renommierte Expertisen für die Aufarbeitung der Geschichte der sogenannten „Völkerschauen“ im Zoo Frankfurt gewinnen konnten. Die rassistischen und exotisierenden Stereotypen, die mit solchen Unterhaltungsformaten geradezu kultiviert wurden, wirken bis heute fort und als Teil der Kolonialgeschichte nach. Solche Phänomene müssen wir uns unbedingt und in verschiedenen Zusammenhängen bewusst machen. Daher fördern und unterstützen wir gezielt Projekte und Prozesse stadtweit, die sich mit dem Thema Erinnerungskultur befassen“, betont Dr. Ina Hartwig, Dezernentin für Kultur und Wissenschaft.
Die Vorstudie umfasste die Sichtung der Forschungsliteratur sowie der Quellenlage zu den insgesamt 36 Schauen, die im Zoo nach aktuellem Forschungsstand stattfanden. Sie blickt aber auch über den Zoo hinaus, denn auch an anderen Orten in Frankfurt gastierten die seinerzeit populären und weit verbreiteten Schauen, etwa im Café an der Neuen Börse, im Palmengarten und am Ausstellungsplatz an der Forsthausstraße. Unter dem Deckmantel von Bildung und Wissenschaft wurden Menschen – oft begleitet von Tieren – einem zahlenden Publikum vorgeführt. Der Frankfurter Zoo richtete die Schauen zwar nicht selbst aus, nahm aber die Angebote der entsprechenden Impresarios an.
Für den Zoo ist die Vorstudie erst der Beginn der Aufarbeitung. „Ein verantwortungsvoller Umgang mit der eigenen Geschichte ist auch mit Blick auf die Weiterentwicklung und Gestaltung des Zoos im Rahmen unseres Masterplans bedeutsam. Wir sind sehr froh, dass wir nun auf diesen fundierten Erkenntnissen aufbauen und in einem weiteren Schritt die Hauptstudie angehen können. Am Ende dieser Hauptstudie möchten wir die Ergebnisse so aufbereiten, dass sie unseren Besucherinnen und Besuchern und allen Interessierten zugänglich sind“, sagt die stellvertretende Zoodirektorin Dr. Sabrina Linn.